Wirtschaft und Geld
von Jost Trier
Der größte Teil wurde im Januar 2006, der letzte Teil im November 2008 hier eingestellt
Zusammenfassung
Im Gewirr der Diskussionen und Schuldzuweisungen über unsre wirtschaftliche Misere fehlt der Überblick. Nur aus dem Abstand, aus dem zunächst weder nach politischer Machbarkeit gefragt wird, noch danach, ob sich die Gedanken nicht depressiv auf die gegenwärtige Wirtschaft auswirken könnten, erkennt man, wie sich Ursachen und Wirkungen zu einem Kreis zusammenschließen, der die Wirtschaft immer weiter herunter zieht. Ein Glied in dieser Kette von Ursachen und Wirkungen stellt die Notenbank dar. Wenn sie die Verantwortung für die Gesamtwirtschaft im Währungsgebiet übernähme und mit der dazu nötigen Vollmacht ausgestattet würde, könnte sie den verhängnisvollen Kreis aufbrechen.
Aus diesem Aufsatz:
Wer Geld als Ware und also als wertvoll ansieht, bleibt in der Abwärtsspirale gefangen. (S. 7) Und wenn im ganzen Währungsgebiet das Geld fehlt, müssen dann eben alle den Gürtel enger schnallen? Müssen wir Arbeitslosigkeit, Schlaglöcher in den Straßen, heruntergekommene Schulen, geschlossene Theater, verwilderte Parkanlagen, leer stehende Kaufhäuser, verrostende Fabrikanlagen und eine resignierende Bevölkerung brav erdulden, denn es fehlt doch nun mal am Geld? (S. 9)
Alle Maßnahmen der Politiker, ob das Schließen von Badeanstalten, das Kürzen von Renten, das Aufschieben von Bauvorhaben, alles zielt darauf, die Realwirtschaft an die siechende Geldwirtschaft anzupassen, also unseren Lebensstandard immer weiter herunter zu ziehen. (S. 9)
Wer das Problem lösen will, muss einsehen, dass Geld eben keine Ware ist, sondern von Menschen ausgeschriebene Gutscheine, die beliebig vermehrbar und vernichtbar sind, ohne dass reale Werte geschaffen oder vernichtet werden. Er muss also die Geldwirtschaft an die Realwirtschaft anpassen, nicht umgekehrt, wie es zur Zeit geschieht. (S. 9)
Egal, ob man unter dem Staat Berlin oder Brüssel versteht, er kann sich nicht hinter der Notenbank verstecken, denn diese ist sein Werk, nicht umgekehrt. (S. 10)
Wenn der Einzelne versagt, ist es dessen Schuld, wenn aber der ganze Wirtschaftsraum versagt, hat die Notenbank nicht genügend Geld zur Verfügung gestellt! (S. 11)
Drei Ahnungslose unterhalten sich:
M: Macher (Maurermeister)
S: Skeptiker (Schweißer)
T: Tüftler (Techniker)
Die wirtschaftliche Lage
M Kommst Du morgen mit baden?
S Kannst Du vergessen, das Bad haben sie geschlossen, die Stadt hat kein Geld mehr.
M ... und um die Frührente oder das Arbeitslosengeld für den Bademeister aufzubringen, verkauft die Stadt ihre letzten Liegenschaften zum Schleuderpreis, zahlungskräftige Firmen oder Privatleute gibt es ja kaum noch.
T Das ist die Situation, die Armut kommt eben von der pauvreté, das ist eine Katze, die sich in den Schwanz beißt.
M Da muss man doch aber ausbrechen können!
T Nun ja, wir werden ja auch aufgefordert, endlich Mut zu zeigen und Schulden zu machen, damit die Wirtschaft wieder läuft.
M Solche Sprüche lieb ich! Ich bin Maurermeister, lebe nur noch von Woche zu Woche von dem einen oder anderen Kleinauftrag. Mein Transporter ist fast schrottreif aber immer noch nicht ganz abbezahlt! Jetzt noch neue Schulden, das wäre glatter Selbstmord!
S Gibt es denn keine Leute mehr, die ein eigenes Haus, oder wenigstens einen Wintergarten oder Gartenweg angelegt haben wollen?
M Natürlich haben die Leute Wünsche, aber sie haben kein Geld!
T "Kein Geld", mit dieser Entschuldigung leisten wir uns den größten Luxus, den sich ein Volk überhaupt leisten kann: wir schließen einen großen Teil unserer arbeitsfreudigen Menschen von der Mitwirkung am wirtschaftlichen Kreislauf aus, das ist nicht nur wirtschaftliche Obstruktion, sondern vor Allem auch bitteres Unrecht gegen die Betroffenen!
S Na na, wer ist denn hier schon betroffen, die meisten wollen doch gar nicht arbeiten.
M Solche gibt es auch, aber es sind nicht die meisten. Natürlich geht mancher gerne in die Frührente, nicht alle Arbeitslosen oder Frührentner sind unglücklich.
T Du hast Recht, man sollte niemand verdammen, dem es gelingt, auf bescheidener finanzieller Basis ein glückliches Leben zu führen. Man denke nur an eine Mutter, die sich entschließt, ihren Beruf aufzugeben, um sich ganz ihrer Familie zu widmen.
M Das ist nichts schlechtes, im Gegenteil, durch ihr Wirken im engen Familienkreis erfüllt sie eine heute besonders wichtige Aufgabe für die Allgemeinheit. Junge Menschen aber, und gerade engagierte, die sich gern einbringen, die der Wirtschaft auch viel zu geben hätten, verzweifeln und verbiestern schließlich, wenn sie überall auf Arbeitssuche abgewiesen werden. Das ist nicht nur Verschleuderung des wichtigsten wirtschaftlichen Kapitals, nämlich der menschlichen Arbeitskraft, sondern schlimmer: Zerstörung der Seelen.
S Wenn das so ist, dann ist die Vollbeschäftigung also wichtiger als der steigende Wohlstand der Beschäftigten?
T Ja, obwohl ich das Wort Vollbeschäftigung vermeiden möchte. In einer funktionierenden Wirtschaft sind Fluktuationen unvermeidbar und damit auch Arbeitslosigkeit, allerdings mit wechselnder Besetzung.
M ... und da sind wir heute weit drüber hinaus.
Die Schulden
S Das Problem sind und bleiben die Schulden. Wir haben alle über unsre Verhältnisse gelebt in den letzten Jahrzehnten, voran die Öffentliche Hand. Wenn die Wirtschaft boomte, wurde großzügig ausgegeben, was eingenommen wurde. Angefallene Schulden wurden trotz hoher Einnahmen nicht abgebaut sondern weiter erhöht. Und nicht nur das, es wurden auch bedenkenlos Gesetze mit großen Folgekosten gemacht, die uns jetzt schwer drücken. Jetzt in der Not versucht man verzweifelt obendrein noch zu sparen und entzieht dadurch der Wirtschaft die so nötigen Impulse.
M "Wir haben über unsre Verhältnisse gelebt", das hört man immer wieder, aber stimmt das wirklich? Das würde doch heißen, dass nicht ein Einzelner, sondern die Bevölkerung als Ganzes mehr verbraucht hat als sie erwirtschaftet hat. Das ist aber gar nicht der Fall, im Gegenteil, wir sind heute noch trotz stagnierender Wirtschaft Exportweltmeister und hatten auch vorher fast immer Exportüberschüsse, wir produzieren also mehr, als wir verbrauchen. Trotzdem fehlt es hinten und vorne am Geld, was ist da los?
T Wir haben über unsre Verhältnisse gelebt, das stimmt schon, aber es stimmt nicht für die reale Wirtschaft, also den Austausch von Arbeits- und Sachleistungen, da haben wir keine Probleme, sondern es stimmt nur für das Geld. Wenn wir kein Öl mehr hätten, das Wasser knapp würde, oder auch nur Eisen oder Kupfer, dann hätten wir ein wirkliches, reales Problem, so ein Problem ließe sich nicht durch organisatorische Maßnahmen lösen sondern nur durch Einschränkung.
S ... und wenn das Geld fehlt, dann genügen organisatorische Maßnahmen?
T Ja, aber um das zu verstehen, muss man sich erstmal klarmachen, was denn Geld eigentlich ist.
M Ja, Geld, was ist das eigentlich?
Was ist Geld?
T Diese Frage war früher einmal sehr einfach zu beantworten: Geld, woraus es auch bestehen mochte, konnte jederzeit in eine von der Notenbank garantierte Goldmenge getauscht werden, war also dem Gold (also einer Ware) gleichwertig, nur handlicher.
M Und heute, ist das nicht auch in diesem Sinne eine Ware?
T Ja, leider tut unsere Notenbank so, als müsste der Geldwert an einen Sachwert gebunden sein, also an Ware, Grundstücke und dergleichen. Das drückt sich darin aus, dass die Notenbank nur dann neues Geld den Banken - und damit der Wirtschaft - zinsgünstig zur Verfügung stellt, wenn die Banken Wertpapiere mit entsprechendem Gegenwert bei der Notenbank hinterlegen. Auch Devisen (Fremdwährungen) können u.U. hinterlegt werden, offenbar weil man glaubt, diese seien ebenfalls durch Sachwerte gedeckt. Gegen diese Sachwertbindung lässt sich vieles einwenden, nach meiner Meinung ist sie nicht nur überflüssig, sondern obendrein für die eigentliche Aufgabe der Notenbank, die Verbraucherpreise im Mittel konstant zu halten, hinderlich.
S Du meinst also, das Geld brauche nicht an Sachwerte gebunden zu sein, dann hat es aber doch gar keinen Sinn mehr.
T Doch, es bleibt sinnvoll, genau so sinnvoll wie wir es täglich erleben. Das Geld ist eine Bescheinigung dafür, dass wir (im Rahmen des Geldbetrages) Anrecht auf Dienstleistungen und erwirtschaftete Werte im Währungsgebiet haben. Es ist nur eine Art Gutschein, also selbst nur ein wertloses Stück Papier oder einige Bytes im Bank-Computer. Kaum jemand weiß doch, dass die Notenbank das Geld, mit dem ich meine Brötchen bezahle, einmal einer Privatbank zur Verfügung gestellt hat, die als Pfand dafür ein Wertpapier bei der Notenbank hinterlegte. Hätte sie das Geld ohne Pfand ausgegeben, hätte ich die Brötchen genau so kaufen können.
S Das stimmt nicht. Durch die Hinterlegung von Wertpapieren wird doch sichergestellt, dass es nicht mehr Geld als handelbare Werte gibt, das ist doch sinnvoll zur Vermeidung von Inflation.
T Du hast Recht, wenn die Notenbank Geld ohne Hemmung ausgibt, haben wir jedenfalls Inflation, aber die Geldausgabe lässt sich auch nach anderen Kriterien begrenzen, insbesondere unmittelbar dadurch, dass man nur den Preis des vom Statistischen Bundesamt registrierten Warenkorbes konstant zu halten versucht.
M Man sagt doch, die Währung sei gedeckt durch Goldreserven der Notenbank und dort hinterlegte Pfänder. Wenn es das alles nicht mehr gibt, wodurch ist denn dann die Währung gedeckt?
T Nur durch die funktionierende Wirtschaft im Währungsgebiet. Nur dadurch, dass man für 1 Euro Brötchen oder Nägel kaufen kann, ist die Währung gedeckt, und das ist keine Utopie, sondern das ist de facto auch heute schon so. Deshalb sollte es im ureigensten Interesse der Notenbank liegen, die Wirtschaft gesund zu erhalten, ihre Währungsreserven sind schnell verpufft und im Vergleich zur Gesamtwirtschaft völlig belanglos.
Geld und Sachwert
S Stop doch erstmal, wovon reden wir eigentlich, wenn wir von Geld sprechen, Du sagtest, es sei ein Gutschein, ein Gutschein bezieht sich aber immer auf einen bestimmten Sachwert, und wenn es einer ist, der sich auf Geld bezieht, dann drehen wir uns nur im Kreis.
T Ganz recht. Im Unterschied zu einem gewöhnlichen Gutschein bleibt es unbestimmt, welche und wie viel Waren und Dienstleistungen jeglicher Art man auf seinen Gutschein bekommt, dies ist grundsätzlich Verhandlungssache zwischen den Handelspartnern. Das gilt wie für jede Art von Ware natürlich auch für Gold.
M Wenn hier von Geld die Rede ist, was ist da gemeint, nur das, was man im Portemonnaie trägt, oder jede Form von Gutschrift?
T Jede Gutschrift. Der bargeldlose Zahlungsverkehr wird von der Notenbank genau so in ihre Entscheidungen einbezogen wie der Austausch von Banknoten. Direkt in der Hand hat sie allerdings nur die Ausgabe von Banknoten.
S Da gibt es aber ein Problem, schließlich könnte jemand eine Ware auch mit einer Aktie bezahlen. Aktien zählen aber doch sicher nicht zum Geld, werden also doch sicher nicht von der Notenbank kontrolliert.
T Ganz recht, die Grenze zwischen Geld und Sachwert wird zwar durch die Notenbank definiert, sie ist aber ziemlich willkürlich gesetzt und bleibt Gegenstand von Diskussionen. Jedenfalls zählen Aktien zu den Sachwerten
Dosierte Geldausgabe
M Wir sprachen davon, dass die Begrenzung der Geldmenge auch auf anderen Kriterien beruhen könnte als auf der Hinterlegung von Wertpapieren.
T Ja, da Geld selbst nur ein wertloser Gutschein ist, kann es ohne direkten realen Schaden beliebig vermehrt oder vernichtet werden. Indirekt wirkt das der Wirtschaft zur Verfügung gestellte Geld aber sehr wohl auf die Gesamtwirtschaft ein. Die Notenbank könnte durch wohl dosierte Geldausgabe eine überschäumende Konjunktur drosseln oder eine Rezession vermeiden.
S Ich denke, die Notenbank soll die Verbraucherpreise konstant halten, nicht die Konjunktur steuern.
T Richtig, das ist ihre Aufgabe, aber in den letzten Jahrzehnten beachtet sie doch mehr und mehr die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und bezieht diese in ihre Entscheidungen ein. Nach meiner Meinung ganz zu recht, denn mit ihren Entscheidungen greift sie , ob gewollt oder nicht, wesentlich in den Konjunkturverlauf ein. Wie schon gesagt ist die gute Konjunktur - also die funktionierende Realwirtschaft - aber die Deckung der Währung. Die Notenbank muss also die Konjunktur ausbalancieren, und kann dann nur auf einen stabilen Geldwert hoffen. Tatsächlich könnte sie die schleichende Inflation nur verhindern, wenn sie eine schwere Depression in Kauf nähme. Deshalb vergibt die Notenbank etwas mehr Gutscheine und lässt eine Zunahme der Verbraucherpreise bis etwa 2 % im Jahr zu. 2 % bedeuten Verdoppelung der Preise in 35 Jahren. Die Probleme "schleichende Inflation" und "wirtschaftliche Depression" sind so ineinander verzahnt, dass das eine nicht ohne das andere gelöst werden kann.
S Da stimmt doch was nicht. Es ist doch für die Wirtschaft bedeutungslos, ob ein Brot 1 Euro kostet oder 1000 Lire. Also kann die Wirtschaft doch mit einem konstanten Geldwert genau so laufen wie mit einem ständig fallenden. Wenn Geld keine Ware ist, dann könnte man doch immer nur genau so viel Geld in Umlauf geben, dass der Preis für den amtlich registrierten Warenkorb im Laufe der Jahre zwar schwankt, im Mittel aber konstant bleibt.
Die Sperrklinke
T Man könnte, aber da gibt es eine "Sperrklinke", also einen Mechanismus, der Bewegung immer nur in einer Richtung zulässt. Die Sperrklinke ergibt sich aus unserer Rechtsordnung, nach der weder der Staat noch die Notenbank das Recht hat, auf die Entwicklung von Löhnen und Gehältern Einfluss zu nehmen (außer so weit der Staat selbst als Arbeitgeber wirkt). Löhne sollen zwischen Arbeitgebern und -nehmern ausgehandelt werden, das nennt man Tarifautonomie. Der Staat und die Notenbank können dabei nur zugucken. Das Ergebnis solcher Verhandlungen ist fast immer eine Lohnerhöhung, und zwar etwas über das hinaus, was gesamtwirtschaftlich vernünftig, also mit einem stabilen Warenkorbpreis vereinbar wäre. Im Zweifelsfalle wird der Arbeitgeber lieber seine Schulden nochmals erhöhen, als einen Streik in Kauf zu nehmen, denn dessen Folgen sind meist kaum übersehbar (z.B. Verlust an Kundenvertrauen). So sind unsre Firmen hoch verschuldet und auf das Wohlwollen der Banken angewiesen.
M Das ist aus vielen Gründen bedenklich, Banken sind selbst Firmen, keine Wohlfahrtsinstitute, und sie verfolgen eigene Interessen, die nicht immer mit denen ihrer Kunden übereinstimmen.
T Ganz recht, aber es wird schlimmer, die Notenbank versucht nun, die durch die zu hohen Lohnabschlüsse steigenden Preise ...
S Augenblick: Wieso sollen die Preise steigen, wenn die Lohnabschlüsse hoch sind?
T In der Marktwirtschaft bilden sich die Preise unter dem Druck von Angebot und Nachfrage. Ich gebe zu, dass das in einigen Sektoren nicht so klar ist wie es sein sollte, aber im ganzen funktioniert unsere Wirtschaft nach diesem Gesetz und nach aller Erfahrung ist diese Art Wirtschaft, die Marktwirtschaft, jeder anderen weit überlegen. Höhere Löhne bedeuten höhere Nachfrage und wenn das Angebot nicht so schnell erhöht werden kann wie die Nachfrage steigt, dann steigen notgedrungen die Preise.
S Die Notenbank ist aber verantwortlich für das mittlere Niveau der Verbraucherpreise. was kann sie denn tun, um die Preise trotz höherer Löhne unten zu halten?
T Sie hat dafür ein Mittel, sie erhöht die Zinsen für das Geld, das sie den Banken leiht, und das diese an ihre Kunden weiter verleihen. Das wirkt, denn die hohen Zinsen bremsen die Investitionslust der Firmen. Die neue Werkhalle wird erstmal nicht gebaut, die Baufirma muss nach einem Ersatzauftrag suchen und wenn sie einen findet, dann sicher nur zu niedrigeren Preisen.
M Und wenn sie keinen findet?
T Dann muss sie Leute entlassen, denn sie hat kaum Eigenkapital, um die Leute ohne Arbeit zu halten.
S Willst Du wirklich behaupten, die hohe Arbeitslosigkeit läge an uns, den Arbeitnehmern selbst, weil wir immer zu hohe Löhne fordern? Richtig ist doch viel mehr, dass die Hersteller, der Handel und die Kapitalgeber enorme Gewinne einstreichen, von denen wir mit Recht unseren bescheidenen Anteil fordern!
T Es werden tatsächlich große Gewinne gemacht, und die müssen dann auch wieder über Durststrecken hinweg helfen. In unserer Wirtschaft dauern die großen Gewinne nie lange, die Konkurrenz schläft nämlich nicht. Das wichtigste ist: Unternehmergewinne kennen keine Sperrklinke, sie schlagen von heute auf morgen in Verluste um. Für die schleichende Inflation sind sie deshalb nicht verantwortlich.
S Na, ob das mit dem Konkurrenzdruck immer so richtig funktioniert, ist doch sehr zweifelhaft.
T Deine Skepsis ist durchaus in vielen Fällen angebracht, im großen und ganzen funktioniert die Wirtschaft aber so, auch wenn ich mir für das Kartellamt ein wachsameres Auge und eine härtere gesetzliche Basis wünschte. Nein, Preise können steigen und fallen, nur die Löhne haben die Eigenschaft, nur steigen zu können. In jüngster Zeit, muss ich zugeben, hat sich angesichts dramatisch steigender Arbeitslosigkeit die Situation etwas geändert, aber wenn man über die Jahrzehnte blickt, stimmt das. Ich kann es Dir also nicht ersparen, Ihr seid verantwortlich für steigende Preise und - nach der Reaktion der Notenbank - für die Arbeitslosigkeit. Übel nehmen kann ich es Euch aber nicht, denn unsere Gesetze sind nunmal so, dass Ihr das Recht dazu habt, eben durch die Tarifautonomie. Schließlich gehören auch andere in diese Spirale zur Arbeitslosigkeit, die Arbeitgeber, die vor einem Streik immer klein beigeben, und die Notenbank, die die Zinsen erhöht. Auch die veröffentlichte Meinung ist mit schuldig, denn sie bejubelt jeden vermiedenen Streik als "vernünftige Lösung" und ignoriert, dass die Sperrklinke wieder einen Zahn weiter eingerastet ist, wieder ein kleiner Schritt zu höheren Preisen und mehr Arbeitslosigkeit getan wurde. Jeder ist in seinem Bereich für eine einzeln gesehen gute Sache zuständig und im Recht.
S Bist Du sicher, dass es in unsrem unübersichtlichen Wirtschaftssystem nicht auch andere "Sperrklinken" gibt, z.B. im Kreditwesen oder an den Börsen?
T Nein, da bin ich leider gar nicht sicher, aber ich kenne keine anderen. Wenn es weitere gibt, dann müssten sie jedenfalls genau so unter die Aufsicht der Notenbank gestellt werden wie die Tarifautonomen. Die Notenbank ist zuständig für die Konstanz der mittleren Verbraucherpreise. Dazu muss sie die Macht haben, die Wilderer aus ihrem Revier zu vertreiben.
Das Recht ändern
M Wenn man aus der Spirale zur Arbeitslosigkeit herauskommen will, dann müsste man also das Recht ändern?
T Eine ungeheure Aufgabe, aber wer das Problem wirklich anfassen will, kommt darum nicht herum.
S Sollten wir nicht doch, wenn wir schon das Recht ändern, das Recht auf Arbeit stärken, z. B. Firmen, die ihre Mitarbeiter entlassen, in Volkseigentum überführen?
T Das wäre das Ende unserer Wirtschaft, die, alles in allem den Namen "Soziale Marktwirtschaft" durchaus verdient, die also sozial genug war und ist, den Menschen besser zu dienen, als es irgend eine Art von Sozialismus jemals konnte. Nein, jede Änderung des Rechts müsste äußerst behutsam nur genau an dem Punkt angreifen, an dem unser jetziges System versagt.
M Und das Versagen äußert sich, wenn ich Dich recht verstanden habe, einerseits in der schleichenden Geldentwertung und andererseits in der Arbeitslosigkeit?
T Ganz recht, die Arbeitslosigkeit muss allerdings noch durch deren Gegenteil ergänzt werden, die Überforderung der menschlichen Arbeitskraft im Währungsgebiet durch eine überschäumende Konjunktur, aber das ist z.Zt. nicht unser Problem.
S Du wolltest das Recht ändern, aber rühr bloß nicht die Tarifautonomie an!
T Genau das müsste man aber. Ein Vorschlag zur Güte wäre, dass die Löhne und andere Arbeitsbedingungen wie bisher ausgehandelt werden dürften, dass aber als dritte Partei in jeder Lohnverhandlung ein Vertreter der Notenbank sitzt, der bei direkter oder indirekter Gefahr für das allgemeine Preisniveau ein Verhandlungsergebnis annullieren kann.
M In unsrer gegenwärtigen Lage müsste die Notenbank davon reichlich Gebrauch machen!
T Ganz recht, und mit dieser Eingriffsmöglichkeit könnte die Notenbank die Inflation an der Stelle bekämpfen, an der sie entsteht und so die Überschuldung der Betriebe eindämmen. Die Volkswirtschaft, die auf der Lohnseite ständig angetrieben, aber auf der Zinsseite gebremst wird, gleicht einem Auto, das auf der linken Seite kräftig beschleunigt und rechts bremst. In der Wirtschaft muss die Bremse da ansetzen, wo die inflationären Tendenzen wirken, also bei den Löhnen.
S Ein Vetorecht, damit wäre die Macht der Notenbank enorm gestärkt. Sie könnte damit sogar eine bereits eingetretene Geldentwertung rückgängig machen, denn die technische Entwicklung bringt ja immer mehr Produktion mit immer weniger Arbeitskraft. Für die Notenbank müssten das doch verlockende Perspektiven sein. Aber was bleibt dann für unsre Gewerkschaften?
T Für die bleibt alles, außer Inflation produzieren. Wenn das wirtschaftliche Potential im Währungsgebiet nahezu ausgelastet ist, wächst ihnen wieder Macht zu, und diese können sie einsetzen, um die Arbeitszeit des Einzelnen klein zu halten, ob nun durch früheren Austritt aus dem Arbeitsleben, mehr Urlaub oder kürzere Arbeitszeit. Die ständige Rationalisierung und die wachsende Unlust der Verbraucher, sich zu dauernd wachsendem Konsum antreiben zu lassen, drängen die Gewerkschaften geradezu in diese für das Gemeinwohl so wichtige Rolle.
S Bei wachsender Produktivität werden die Gewerkschaften auch sicher Verständnis dafür haben, dass der eine oder andere Krumen vom üppig gedeckten Tisch für andere Aufgaben abfällt wie Hilfe für die Dritte Welt und Umweltschutz.
M Vergiss nicht Wissenschaft und Kunst. Aber entschuldigt, mich erschreckt zutiefst, wie weit sich unsere Gedanken von dem entfernt haben, was heute politische Realität ist! Eben haben sich die Koalitionäre doch gerade darauf geeinigt, die Lebensarbeitszeit zu verlängern statt zu verkürzen, und die Notenbank glaubt, durch Erhöhung der Leitzinsen die Wirtschaft drosseln zu müssen, also mehr Arbeitslose in Kauf nehmen zu müssen, weil die Verbraucherpreise um mehr als 2% gestiegen sind. Wer Geld als Ware und also als wertvoll ansieht, bleibt eben in der Abwärtsspirale gefangen.
Kopfgeld
M Aber um zu unsrem Thema zurückzukommen: Die Warenhäuser sind randvoll und unterbieten sich gegenseitig, kleinere Unternehmer werden dadurch in die Pleite getrieben, da wäre es doch für die Notenbank leicht, einfach mal so viele Gutscheine auszugeben, dass die Wirtschaft wieder in Fluss kommt.
T Diese einfache Lösung wäre genau das Richtige, einfach pro Kopf 200 Euro verteilen, und wenn das nicht reicht, kann man das gleiche später noch mal tun. Jeder kann mit dem Geld machen, was er will, seine Schulden vermindern, seine Wünsche erfüllen, oder das Geld auf die hohe Kante legen.
S Das ist doch blanker Quatsch! Das Geld verliert - gemessen am Warenkorb - sowieso schon ständig an Wert. So viel Geld an jeden ohne Gegenleistung, das muss doch die Preise hochtreiben.
T Nein, Preise steigen nur, wenn die Nachfrage die wirtschaftlichen Möglichkeiten übersteigt. Wir haben aber nicht nur enorme Vorräte, sondern darüber hinaus große brachliegende Produktionsmöglichkeiten, die bei entsprechender Nachfrage kurzfristig mobilisiert werden könnten, natürlich würde sich das auf die Dauer entspannend auf den Arbeitsmarkt auswirken.
S Im wesentlichen wirst Du recht haben, ganz wird sich aber ein leichter Preisanstieg nicht vermeiden lassen, denn viele Läden und Kaufhäuser vegetieren heute am Rande der Pleite und sind gezwungen, ihre Ware zu ruinös niedrigen Preisen abzusetzen. Die Beendigung dieses ungesunden Zustands ist natürlich trotz dadurch erfolgenden Preisanstiegs nur positiv zu werten.
M Sicher, aber gehen wir mal davon aus, Du hättest Recht, und man brauchte nur Geld zu drucken, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Die Gewerkschaften würden sich freuen, endlich wieder "einen guten Schluck aus der Pulle" tun zu können ...
S ... wozu sie viele gute Gründe vorbringen würden, besonders die soziale Gerechtigkeit.
T Diese ist aber am besten aufgehoben in einer funktionierenden Wirtschaft, und für diese ist Lohnerhöhung Gift! Die so wichtige Entschuldung des produzierenden Gewerbes und der öffentlichen Hand würde so wieder zunichte gemacht, die Spirale zur Arbeitslosigkeit wäre nicht unterbrochen. Nein, wenn die Notenbank zusätzliches Geld machen soll, dann nur, wenn sichergestellt ist, dass die Gewerkschaften still halten, bzw., und das scheint mir dringend erforderlich, wenn die Tarifautonomie gesetzlich eingeschränkt wird, etwa durch ein Vetorecht der Notenbank, von dem wir schon sprachen.
S 200 EURO Kopfgeld, das sind in Deutschland 16 Milliarden und im Währungsgebiet entsprechend mehr. Wie soll die Notenbank jemals wieder darauf zugreifen können? Die Notenbank legt doch so viel Wert darauf, dass alles Geld irgend wann wieder durch ihre Hände geht.
M ... und das mit Recht, denn es muss bei überschäumender Konjunktur auch wieder aus dem Verkehr gezogen werden können.
T Zur Zeit kann die Notenbank nur auf folgende Weise Geld aus dem Verkehr ziehen: Die bei ihr hinterlegten Wertpapiere werden am Ende ihrer Laufzeit mit Geld eingelöst. Dieses Geld fließt im Normalfall dadurch in die Wirtschaft zurück, dass die Notenbank neues Geld nach Hinterlegung neuer Wertpapiere ausgibt. Die Notenbank kann aber durchaus die Hürden für die Ausgabe neuen Geldes so hoch legen, dass mehr Geld zu ihr zurückfließt, als sie neues ausgibt. Dieser Geldrücklauf reicht unter den gegenwärtigen Verhältnissen ganz sicher nicht aus, eine überschäumende Konjunktur zu bremsen.
S Wenn man einmal erkannt hat, dass Geld wertlos ist und die Geldschöpfung und -vernichtung die zentralen Elemente zur Steuerung der Konjunktur sind, dann kommt der Notenbank eine ganz andere Stellung zu als bisher. Dann ist sie nicht mehr eine Bank mit der Aufgabe, Geld in dem Maße zur Verfügung zu stellen, dass die Verbraucherpreise konstant bleiben, sondern in dem Maße, eine gute Konjunktur aufrecht zu erhalten.
M ... und die Preise, meinst Du wirklich, die blieben stabil, wenn nur eine stabile Konjunktur aufrecht erhalten würde und die "Sperrklinken" außer Kraft sind?
T genau davon bin ich überzeugt, aber ich wiederhole, dass ich unter einer stabilen Konjunktur keinesfalls eine überschäumende verstehe und einen kleinen Prozentsatz von Arbeitslosen für vernünftig halte.
M Um die Preise stabil zu halten, könnte das Vetorecht der Notenbank bei Tarifverhandlungen ausreichen. Aber wie ist es, wenn große Mengen Geldes in Sachwerte drängen und die Konjunktur überschäumt, auch dieser Situation müsste die Notenbank gewachsen sein.
T Für die Vernichtung größerer Mengen Geldes bei überschäumender Konjunktur müsste sie das Recht erhalten, Steuern zu erheben und diese Einnahmen dann zu vernichten. Das bedeutet verwaltungstechnisch, dass die Eintreibung von Steuern direkt der Notenbank unterstellt werden müsste. Der Staat oder die Staaten erhalten von der Notenbank ein festes Gehalt, das nichts mit den Einnahmen zu tun hat, die der Notenbank über die Finanzämter zufließen. Damit bleiben die finanziellen Möglichkeiten der Staaten von der allgemeinen Konjunktur abgekoppelt, was sich auch unabhängig von unsren bisherigen Überlegungen ausgesprochen dämpfend auf die Konjunkturzyklen auswirken würde.
S ... und die Geldvernichtung durch die Notenbank stellt keinerlei realwirtschaftlichen Schaden dar, denn es handelt sich bei dem Geld um Gutscheine, die wegen der überlasteten Volkswirtschaft realwirtschaftlich nicht gedeckt sind.
T Ich sehe Du hast sehr genau begriffen, was ich meine, denn Du trennst schon richtig zwischen Real- und Geldwirtschaft.
Realwirtschaft und Geldwirtschaft
M Im täglichen Leben sind für mich Real- und Geldwirtschaft dasselbe. Wenn ich Geld hab, habe ich auch Brot.
T Und so denken fast alle, nehmen es für selbstverständlich, dass das Geld ihnen den Zugang zu realen Werten erschließt. Kein Kaufmann, nicht einmal ein Banker braucht sich Gedanken darüber zu machen, ob Geld eine Ware zum Tausch gegen andere Ware oder ein Gutschein ohne eigenen materiellen Wert ist. Dennoch ist die Unterscheidung von zentraler Bedeutung, wenn man sich Gedanken über die Gesamtwirtschaft im Währungsgebiet macht.
S Wenn ich kein Geld mehr auf dem Konto habe, kann ich nichts mehr ausgeben, wenn die Bundesrepublik kein Geld hereinbekommt, muss sie auch kurz treten.
M Und wenn im ganzen Währungsgebiet das Geld fehlt, müssen dann eben alle den Gürtel enger schnallen? Müssen wir Arbeitslosigkeit, Schlaglöcher in den Straßen, heruntergekommene Schulen, geschlossene Theater, verwilderte Parkanlagen, leer stehende Kaufhäuser, verrostende Fabrikanlagen und eine resignierende Bevölkerung brav erdulden, denn es fehlt doch nun mal am Geld?
T Ja sagen heute alle Politiker, für sie ist Geld eine Ware, wie jede andere. Wenn wir kein Öl mehr hätten, müssten wir uns ja auch damit abfinden und eben weniger fahren. Alle Maßnahmen, ob das Schließen von Badeanstalten, das Kürzen von Renten, das Aufschieben von Bauvorhaben, alles zielt darauf, die Realwirtschaft an die siechende Geldwirtschaft anzupassen, also unseren Lebensstandard immer weiter herunter zu ziehen.
S Wer das Problem lösen will, muss einsehen, dass Geld eben keine Ware ist, sondern von Menschen ausgeschriebene Gutscheine, die beliebig vermehrbar und vernichtbar sind, ohne dass reale Werte geschaffen oder vernichtet werden. Er muss also die Geldwirtschaft an die Realwirtschaft anpassen, nicht umgekehrt, wie es zur Zeit geschieht.
Entschuldung
S Wir sprachen von Kopfgeld als Lösung des Problems Geldmangel. Eine andere Möglichkeit der Geldvermehrung, die parallel bedacht werden sollte, ist die Entschuldung. Die reale Wirtschaft und mit ihr auch die öffentliche Hand leiden unter einem Übermaß an Altschulden, für die es innerhalb der Realwirtschaft schon lange keine Rechtfertigung mehr gibt.
M Moment mal, was Schulden in der Geldwirtschaft sind, weiß ich, aber was sind denn Schulden, realwirtschaftlich gesehen?
T Angenommen, Du willst Dir ein Haus bauen und Herr Müller meint, er brauche ein neues Auto. Herr Müller entschließt sich, den Autokauf noch einige Jahre hinauszuschieben und trägt das für das Auto bestimmte Geld zur Bank. Die Bank verleiht das Geld weiter an Dich, so dass Du Dein Haus bauen kannst. Realwirtschaftlich hat Herr Müller auf Konsum verzichtet, indem er seinen Klapperkasten weiterfährt. Bei begrenztem volkswirtschaftlichem Potential ist dies ein sinnvoller Vorgang, denn die allgemeine Wirtschaftskraft wird dank der sinnvollen Einrichtungen "Geld" und "Bank dorthin geleitet, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Du hast jetzt Dein Haus und Geldschulden bei der Bank. Realwirtschaftlich ist die Schuld Deine Pflicht, Herrn Müller nach einigen Jahren zu seinem Auto zu verhelfen.
M ... und die Zinsen, die Herr Müller kassiert?
T die hat er sich redlich verdient, schließlich erträgt er das Klappern seines alten Autos und Du wirst ihm sicher gönnen, dass er sich von den Zinsen Oropax kauft. Auch die Bezahlung des Konsumverzichts in Form von Zinsen hat also in einer Wirtschaft, die die Grenzen ihrer Möglichkeiten ausfüllt, ihren realwirtschaftlichen Sinn.
S ... in einem begrenzten volkswirtschaftlichen Gesamtpotential, aber gerade diese Grenzen werden doch z.Zt. überhaupt nicht erreicht!
T Genau das ist das Problem. Wir sprachen vorhin davon, dass die Gewerkschaften durch Streikdrohung die Unternehmen in dauerhaft hohe Verschuldung zwingen, die Notenbank den drohenden Anstieg der Verbraucherpreise durch Erhöhung der Zinsen begegnet, damit die Verschuldung der Unternehmen noch drückender macht, und beides die Unternehmen zu Entlassungen zwingt. Auf diese Weise sind wir jetzt in einer Lage, in der die Volkswirtschaft ihr Potential bei Weitem nicht ausfüllt. Die Realwirtschaft wird von der Geldwirtschaft stranguliert. Die Baumaschinen, die für viele überlastete Fernstraßen dringend gebraucht würden, verrosten, die Firmen gehen pleite. Dabei ist diese allgemeine Verschuldung überhaupt kein reales Problem, sondern ein rein monetäres, das sich der Staat selbst aufgehalst hat durch unsinnige Geldwirtschaft.
M Der Staat?
T Ja, der Staat. Egal, ob man darunter Berlin oder Brüssel versteht, er kann sich nicht hinter der Notenbank verstecken, denn diese ist sein Werk, nicht umgekehrt.
S Nun, die Situation ist nun mal so. Was also sollte der Staat tun?
T Die Verschuldung der Öffentlichen Hand scheint mir leicht zu beheben. Zur Zeit liegt diese Verschuldung z.B. in Form von Schatzbriefen weit gestreut in privater Hand. Bei Fälligkeit eines solchen Schatzbriefes kauft ihn die Öffentliche Hand gegen Geld zurück. In der gegenwärtigen Situation hat aber der Staat das Geld dafür gar nicht, also legt er gleich wieder neue Schatzbriefe auf und verkauft sie wieder an Interessenten. Die Entschuldung kann nun dadurch erfolgen, dass der Schatzbrief nicht vom Staat zurückgekauft wird, sondern von der Notenbank gegen neues Geld. Das läuft auf eine erhebliche Geldvermehrung heraus, die ja zur Zeit sehr erwünscht ist, und wegen der nicht ausgenutzten Wirtschaftspotentiale wirkt sie sich auch nicht auf die Verbraucherpreise aus.
M ... letztlich wäre eine solche Maßnahme nur die Rücknahme einer jahrelangen Fehlentwicklung.
T So ist es.
Altschulden
M Du sprachst vorhin von einem Übermaß an Altschulden, für die es realwirtschaftlich gesehen schon lange keine Rechtfertigung mehr gibt. Nachdem Du uns so anschaulich erklärt hast, was Schulden realwirtschaftlich bedeuten, kannst Du uns vielleicht auch erklären, was Du unter solchen Altschulden verstehst.
T Das Beispiel vorhin (S. 10) zeigte eine Verschuldung, die für den Geldgeber wie für den Geldnehmer vorteilhaft war, und dadurch, dass in einer Volkswirtschaft mit begrenztem Potential der dringlichste Wunsch zuerst erfüllt wurde, auch volkswirtschaftlich sinnvoll war. Nehmen wir jetzt an, dass ein Maurer einen Kleinlaster auf Kredit kauft. Nach einigen Jahren ist er verrostet und muss verschrottet werden. Die Schuld wurde vielleicht auf eine andere Bank übertragen, aber jedenfalls nicht ganz abbezahlt. Weil der Maurer einen neuen Lastwagen braucht, ist er nun erst recht nicht in der Lage, seine Restschuld auf den Schrottwagen zu begleichen. Jetzt erhält die Bank laufend Zinsen, der Zinszahler aber hat keinerlei Vorteile davon. Wir können dazu nur sagen, der Mann hat sich übernommen, und wenn er so weiter wirtschaftet, wird er bald pleite machen. Realwirtschaftlich sinnvoll sind also nur solche Schulden, die dem Schuldner realwirtschaftlichen Vorteil bieten (im Beispiel die Benutzung des Kleinlasters).
S Ein pleite gehender Maurer ist volkswirtschaftlich kein Unglück. Was ist aber, wenn ein großer Teil der Schulden, die Firmen, Privatleute und die öffentliche Hand bedienen müssen, solche Altschulden sind, also realwirtschaftlich nicht gerechtfertigt sind?
T Dann fließen permanent Zinsen in die Hände von denen, die vor Jahren das Glück hatten, oder auch tüchtig genug waren, Geld verleihen zu können, und nun haben sie im Laufe der Jahre immer mehr zu verleihen. Die Schuldner haben keinen realwirtschaftlichen Vorteil davon, können keine Maschinen kaufen, keine Leute einstellen, die Realwirtschaft wird erdrosselt mit all den furchtbaren Konsequenzen.
M Wenn der Einzelne versagt, ist es dessen Schuld, wenn aber der ganze Wirtschaftsraum versagt, hat die Notenbank nicht genügend Geld zur Verfügung gestellt!
Totes Geld
S Ich mag an all das nicht recht glauben. Könnte es nicht sein, dass das Geld in der Summe gar nicht knapp ist, also realwirtschaftlich gesprochen ein großer Überschuss an Ansprüchen an die Volkswirtschaft besteht, aber - aus welchen Gründen auch immer - nicht verwirklicht wird?
M Das ist sicher so, aber das ist doch ganz natürlich, dass in einer wohlhabenden Gesellschaft jeder etwas auf der hohen Kante hat für Notfälle, Alter, Krankheit oder auch besondere Wünsche.
S Das muss die Notenbank akzeptieren, nicht alles Geld wird gleich in Sachwerte konvertiert, und in der Not oder der Befürchtung von Arbeitslosigkeit neigt man vernünftiger weise besonders zum Sparen.
T Die Notenbank müsste, um das mittlere Preisniveau zu erhalten, gar nicht auf die Menge des in der Welt verteilten Geldes achten, sondern nur auf das Geld, das gegenwärtig im Währungsgebiet den Konsum erhöht und damit bei begrenzter Produktion preistreibend wirkt. Sie muss also den Binnenmarkt beobachten und danach ihre Zinsforderungen richten, nötigen falls zur Behebung bereits erfolgter Fehlentwicklungen sogar - wie schon dargelegt (S. 7 und 10) - Kopfgelder zahlen und (oder). entschulden. Die Menge des von ihr im Laufe der Zeit ausgegebenen Geldes ist ohne praktische Bedeutung.
M Damit wäre sicher viel geholfen, aber bestimmt wäre nicht alles gelöst. Was wir hier überlegen können, sind die gegenwärtigen und die absehbaren Probleme.
T Wir sollten aber nie vergessen, dass Glück und Zufriedenheit der Menschen kaum vom materiellen Wohlstand abhängen. Wir können uns mit Wirtschaft und Währung zwar dem Schlaraffenland nähern, aber das Paradies auf Erden (der Seelenfrieden) liegt nicht auf dieser Ebene!
Währungsgebiet und Außenhandel
S Wir haben jetzt immer nur vom Staat und der Öffentlichen Hand gesprochen. Noch zu DM-Zeiten wäre natürlich die Bundesrepublik gemeint gewesen, aber heute?
M Natürlich das Währungsgebiet des Euro.
S Das gibt aber Probleme, schließlich gibt es im Währungsgebiet auch recht gut funktionierende Volkswirtschaften, deren Konjunktur bei Entschuldung oder Kopfgeld überschäumen würde.
T So ist es leider, alles wäre viel einfacher, wenn wir die Depression mit der DM zu meistern hätten. Es ist aber, wenn nicht endlich etwas Gründliches auf dem Währungssektor geschieht, nur eine Frage der Zeit, dass die Depression in Deutschland das ganze Währungsgebiet mitreißt, und dann sollten bereits andere Gesetze gelten. Dazu hätte schon längst währungspolitisch gehandelt werden müssen!
S Nicht nur das Währungsgebiet macht uns Sorge sondern auch der Außenhandel. Verliert denn das, was wir uns hier zusammengetüftelt haben, nicht seinen Sinn, wenn man den umfangreichen Außenhandel des Währungsgebietes berücksichtigt?
T Das glaube ich keinesfalls. Schließlich beruht auch aller Außenhandel nur auf Geben und Nehmen. Das gilt sowohl für die Realwirtschaft wie für die Geldwirtschaft (Die Ausnahme Entwicklungshilfe ist leider gesamtwirtschaftlich völlig unbedeutend). Alles, was wir besprochen haben, bleibt gültig, egal ob es sich realwirtschaftlich um deutsche Werkzeugmaschinen oder japanische Autos handelt.
Vergangene Zeiten
M Kann man die Mängel in der Art, wie bisher das Geld von den Zentralbanken in Umlauf gebracht wird, nicht vielleicht am Konjunkturverlauf vergangener Zeiten erkennen?
T Dessen bin ich sicher. Ich halte eine Krise wie in den USA 1929 auch bei uns und in unsrer Zeit für möglich. Die vielen stümperhaften Empfehlungen in unsren Medien, für deren Gegenteil immer genau so gute Argumente gelten, lassen mich das Schlimmste befürchten.
M Du meinst also, die Weltwirtschaftskrise 1929 sei durch falsche Geldpolitik entstanden?
T Das meine ich. Die Verantwortlichen glaubten damals noch an die Goldbindung des Dollars, das machte es unmöglich, ihn als Steuerungsmittel der Wirtschaft einzusetzen. Insofern war das Versagen der Fed (Notenbank der USA) vielleicht entschuldbar. Von wissenschaftlicher Seite wurde aber schon vor dem ersten Weltkrieg an Geld als wertfreies, staatliches Zahlungsmittel gedacht (siehe z.B. G. F. Knapp: Staatliche Theorie des Geldes, 3. Auflage 1921.
S Aber die Hausse, die der Katastrophe in den USA vorausging, hätte doch unmöglich immer weiter gehen können?
T Die hätte man bereits, lange bevor sie sich überschlug, geldpolitisch herunter regeln müssen, dann wäre die Hausse (und die nachfolgende Katastrophe) gar nicht erst eingetreten.
M Gab es nicht auch in der Bundesrepublik schon Zeiten, wo man geldpolitisch hätte eingreifen müssen?
T Ganz sicher, aber im großen und ganzen ist ja alles ganz gut gegangen. Immerhin ist das Hereinholen fremder Arbeitskräfte in unser damals (in den sechziger Jahren) von den Ostflüchtlingen übervölkertes Land eine Folge von zu viel Geld, ganz gleich wie man heute über Sinn oder Unsinn dieser Maßnahmen denkt.
M Wir haben uns in unsrem Gespräch doch so weit von der heutigen Realität entfernt, da kann ja nie was draus werden.
T Das stimmt leider, aber wir wollten nicht nach der Machbarkeit fragen, die meisten Menschen nehmen lieber Inflationen, Depressionen, Revolutionen und Kriege in Kauf, als dass sie, so lange es Zeit ist, ihre Denkgewohnheiten ändern.
S Wir sollten nicht zu weit abschweifen. Was ich aber aus unsrem Gespräch unbedingt festhalten möchte, ist:
1) Es gibt eine reale Wirtschaft und eine Geldwirtschaft. Zur Zeit fehlen keine Realitäten (z.B. menschliche Arbeitskraft, Wasser, Öl, Gold), sondern nur Geld. Geld sollte in den Händen der dafür Verantwortlichen ein zentrales wirtschaftliches Steuerungsmittel sein, das selbst nicht zu den Realitäten zählt, also wertfrei ist. Es kann nach Bedarf vermehrt oder vermindert werden, um die reale Wirtschaft zu ermuntern oder zu bremsen..
2) Zur Zeit stranguliert das fehlende Geld die reale Wirtschaft. Das Geld wird also als Steuerungsmittel nicht sinnvoll eingesetzt.
3) Kopfgeld und Entschuldung sind geeignete Mittel, Fehlentwicklungen der Vergangenheit rückgängig zu machen. Um dadurch entstehende Inflation zu vermeiden, muss die Macht der Tarifautonomen eingeschränkt werden.
4) Als Nebeneffekt der eingeschränkten Tarifautonomie könnte endlich der Warenkorbpreis langfristig konstant gehalten werden und sogar ein schon erfolgter Wertverfall über die Jahre rückgängig gemacht werden.
5) Wenn die Notenbank Geld frei schöpfen soll, je nach Lage der Konjunktur, muss sie auch in der Lage sein, Geld in großen Mengen zu vernichten. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, dass die Steuergelder zuerst durch ihre Hände fließen müssen. Die öffentlichen Hände können dann ein festes Gehalt von der Notenbank erhalten.
6) Durch die Einführung des Euro in einer großen Währungsgemeinschaft mit sehr unterschiedlichen Volkswirtschaften ist das Konzept einer durch das wirtschaftliche Potential gesteuerten Geldmenge nur noch sehr schwer durchsetzbar. Ein wirtschaftlicher Niedergang in Deutschland würde aber das ganze Währungsgebiet mitziehen. Deshalb ist die Durchsetzung um so dringender.
Wiedertreffen im November 2008
M So geht das nicht weiter, bis jetzt konnte ich mich noch gerade so über Wasser halten, im letzten halben Jahr hatte ich sogar immer ein kleines Auftragspolster. Aber jetzt kann ich froh sein, wenn ich laufende Arbeiten noch fertig stellen kann. Die Kunden stornieren Ihre Aufträge laufend. Mir wird nichts übrig bleiben als Arbeitslosigkeit und Harz IV.
S Mir geht es doch auch nicht anders, im Moment hat unser Boss noch gut zu tun, aber er hat uns schon vorgewarnt, dass er uns, wenn die Auftragslage nicht besser wird, nicht mehr halten kann. Wir dachten doch, wenn die Banken nach der Milliarden-Rettungsaktion der Regierung endlich wieder in Schwung kommen, dass dann die Wirtschaft auch wieder läuft. Aber die Banken zieren sich, sind im krassen Gegensatz zum schnellen Handeln der Regierung äußerst zögerlich. Es heißt so schön: "Man kann die Pferde zwar zur Tränke führen, aber saufen müssen sie selbst".
M Zur Zögerlichkeit haben die Banken auch gute Gründe. Alle Wirtschaftsprognosen erwarten nur geringes Wachstum oder gar Rezession, in solcher Lage kommen auch die Banken mit wenig Geld aus. Außerdem fürchten sie, vom Staat gegängelt zu werden. Die Begrenzung der Managergehälter auf eine halbe Million Euro im Jahr ermuntert die Manager auch nicht gerade, öffentliche Gelder für ihre Banken anzunehmen.
T Na, Du hast ja eine miserable Meinung über die Bankmanager, wenn Du meinst, dass die ihr kurzfristiges Eigeninteresse höher werten als eine gedeihliche Realwirtschaft. Wenn das so wäre, dann allerdings wäre dieser Berufsstand eine Ansammlung fieser Charaktere, aber das will ich nun doch nicht behaupten.
S Wie dem auch sei, vor Jahren hast Du ja eine ganz andere Geldwirtschaft vorgeschlagen mit Vetorecht der Notenbank bei Tarifverhandlungen, mit Kopfgeldzahlungen der Notenbank, mit festem Gehalt für die öffentlichen Hände und Verfügungsrecht der Notenbank über die Steuereinnahmen. Wäre dieses System in der Lage, mit dem heutigen Problem fertig zu werden?
T Ohne Frage Ja. Die Notenbank würde Kopfgeld auszahlen und die Pferde würden saufen. Die Endverbraucher braucht man nicht lange zu bitten, dass sie endlich Geld annehmen. Wirtschaft muss von unten her, vom Verbraucher her angekurbelt werden. Ohne zahlungskräftige Bevölkerung sind alle Investitionen sinnlos, auch die langfristigen.
S Da liegt doch meine Gewerkschaft mit 8 % Lohnforderung gerade richtig.
T Könnte man denken, aber leider würdet Ihr Euch vor allem ins eigene Fleisch schneiden. Die umgebende Wirtschaft ist nun mal so, dass erhöhter Lohn schnell zum Arbeitsplatzverlust führt, sei es durch billigere Arbeitsplätze im Ausland, sei es durch vermehrten Einsatz intelligenter Maschinen. Außerdem ist Kopfgeld natürlich ungleich sozialer, als ein kräftiger Schluck einer bestimmten Berufsgruppe.
M Die Regierung hat eine Unsumme bereitgestellt als Bürgschaft, um den Finanzverkehr zwischen den Banken wieder in gang zu bringen. Wenn diese Summe wirklich fällig würde, hätte Deutschland ein enormes Problem, an einen Abbau der riesigen Staatsverschuldung wäre auf unabsehbare Zeit nicht mehr zu denken.
S Hoffentlich baut der Staat seine Schulden nie mehr ab, Sparsamkeit des Staates drückt die Konjunktur und das müsste unbedingt vermieden werden.
T Schulden bedeuten Zinszahlungen, der Staat muss seine Schulden abbauen, aber er kann das praktisch nur in Zeiten guter Konjunktur. Bisher allerdings hat fast jede Regierung vor dieser Aufgabe gepasst, einzige Ausnahme: Bundeshaushalt 1953-1957 (der sog. Juliusturm).
S Das ist aber lange her! Damals haben meine Eltern noch fast ihr ganzes Geld für Wohnung und Essen ausgegeben. So wie heute: jedes Jahr neue Klamotten für die Tochter, Auto, Fernseher, Computer, zum Essen ausgehen, all das gab es nicht.
T So war das, aber gerade hierin liegt ein Teil des heutigen Problems. Heute geben wir das meiste Geld für Dinge aus, die unser Leben auf angenehme Weise bereichern, die aber nicht wirklich lebensnotwendig sind. Wenn dann weniger rosige Zeiten in Aussicht stehen, werden wir vorsichtig mit dem Geldausgeben.
S Das ist doch ganz vernünftige Vorsorge.
T Natürlich, individuell gesehen ist das richtig, für die Gesamtwirtschaft aber verheerend, weil die düsteren Aussichten zu allgemeiner Kaufzurückhaltung und damit zu neuen Arbeitslosen führen. Die düsteren Aussichten verdüstern sich also verstärkt.
S Das ist ein wesentlicher Unterschied zu der Wirtschaftskatastrophe von 1929. Damals blieb den Arbeitslosen nur Hungern und Frieren, kein Wohlstandspolster erlaubte Sparen ohne Abstriche am existentiell Notwendigen.
M Wenn die Abwärtsspirale aus vorsorglichem Konsumverzicht, wachsender Arbeitslosigkeit, mangelndem Konsum wegen Armut, dadurch weiterer Arbeitslosigkeit usw. sich immer weiter dreht, landen wir doch noch beim Hungern und Frieren.
T Der Absturz im Lebensstandard aus dem heutigen hohen Niveau wäre so tief, dass schließlich auch der Dümmste merken würde, dass etwas im System faul ist.
M Die heutigen verzweifelten Versuche, erst die Banken, dann die Autoindustrie und schließlich die gesamte Wirtschaft mit Staatsgeldern zu retten, sind doch Wahnsinn. Der Staat bezieht sein eigenes Geld immer nur aus der Wirtschaft. Wenn er die Wirtschaft retten will, dann bitte irgendwie, aber nicht mit Steuergeld!
T Und damit sind wir wieder beim Thema: Ohne die Notenbank geht nichts.
S Du meinst also, man sollte Kopfgeld zahlen.
T Natürlich, aber es gibt noch ein sehr grundsätzliches Problem. Das gegenwärtige System der Geldschöpfung scheint mir in sich selbst instabil zu sein. Die Notenbanken verschenken kein Geld, sondern bestehen grundsätzlich darauf, dass ausgegebenes Geld später zurückgezahlt wird, also nur geliehen ist, und dass für die Ausleihung auch noch Zinsen zu zahlen sind.
M Bei 2% Leitzins muss also die Wirtschaft des Währungsgebietes auf jeden bei der Notenbank gezogenen Euro nach einem Jahr 1,02 Euro an die Notenbank zurückzahlen. Der Euro mag ja im Wirtschaftsraum in Banknoten und Münzen noch aufzutreiben sein, woher sollen aber die 2 Cent kommen, die Wirtschaft darf doch kein Geld machen?
T Praktisch bleibt die Wirtschaft gegenüber der Notenbank mit 2 Cent in der Kreide.
S Das Währungsgebiet verschuldet sich also ständig gegenüber der Notenbank.
T So ist es nun allerdings auch nicht. Alle Ausgaben der Notenbank (Gehälter ihrer Angestellten, Baulichkeiten usw.) fließen natürlich wieder in die Wirtschaft, obendrein werden Überschüsse der Notenbank an die EU ausgezahlt, die diese gerne annimmt und ausgibt. Insoweit scheint das System also stabil zu sein.
M Du meinst trotzdem, das System der Geldschöpfung sei in sich selbst instabil?
T Das Problem wird erkennbar, wenn man Extreme ansieht. Zunächst denke man an den Neubeginn einer Währung: Die Währungsreform 1948 war nur dadurch in Gang zu bringen, dass man Kopfgeld zahlte, nie rückzahlbares, nicht verzinsliches Geld, ich will es "Plusgeld" nennen. Der Gegensatz zum Plusgeld ist das Minusgeld, bei dem die Summe aus Soll und Haben um den Zinsbetrag negativ ist. Die Ausgabe von Plusgeld war richtig, schließlich gab es Ware und es gab Konsumenten. Um beides zueinander zu führen, musste Geld erstmal da sein.
S Das hat doch aber mit der heutigen Zeit nichts mehr zu tun.
T Doch, auch unsere Zeit verlangt erkennbar Plusgeld. So lange die Wirtschaft ständig wächst, braucht man sich um seine Schulden keine Sorgen zu machen. Bei sinnvollen Investitionen kann man sicher sein, das Darlehen mit Zinsen zurückzahlen zu können. Das gilt aber nicht bei stagnierender oder rückläufiger Wirtschaft. Dann versucht jeder, ohne Darlehen auszukommen und möglichst schnell bestehende Schulden abzubezahlen, denn er weiß nicht, ob er in Zukunft seine Ware noch absetzen kann, oder ob er dann noch seinen Arbeitsplatz hat. Wenn aber niemand mehr Schulden hat, hat auch niemand mehr Minusgeld, denn alles Minusgeld ist einer Bank geschuldet und die Banknoten letztlich der Notenbank.
M Schrecklich, wenn es kein Geld mehr gibt, dann sind wir ja wieder bei der Tauschwirtschaft!
T Vermutlich noch nicht ganz. Im Extremfall gibt es immer noch Plusgeld. Dies setzt sich zusammen aus dem Kopfgeld von 1948 und solchem Geld, das eine Bank einmal bei der Notenbank gezogen hat, das dann aber nicht mehr rückgezahlt werden kann, weil die Bank inzwischen pleite ist. In jedem Falle ist das viel zu wenig, um die Wirtschaft auf heutigem Niveau halten zu können, denn die Notenbanken hatten in allen zurückliegenden Jahrzehnten immer den Ehrgeiz, ohne Plusgeld auszukommen.
M Früher gab es doch die Goldwährung, war das nicht pures Plusgeld?
T Genau so war das, für Gold brauchte niemand, der es besaß, Zinsen zu bezahlen. Ihr wisst, ich halte nichts von der Goldwährung, aber diesen Nachteil, dass im Strudel wirtschaftlicher Abwärtsbewegung schließlich gar kein oder fast kein Geld mehr zur Verfügung steht, den hatte die Goldwährung nicht. Gold war immer in der Welt, es wurde durch Kaufzurückhaltung nicht weniger. Ohne Plusgeld rutscht die Wirtschaft, wenn sie einmal durch irgend einen Anlass ins Rutschen gekommen ist, bis zurück in den Tauschhandel.
S Der Anlass, der wegen der internationalen Verflechtungen heute die ganze Weltwirtschaft herabzieht, war die, vielleicht gut gemeinte und sozial gewollte, aber leichtfertige Vergabe von Krediten an zahlungsunfähige Häuslebauer in den USA.
M Mir scheint, man hat denen den Himmel versprochen und sie dann im Regen hoher Zinsen stehen lassen.
T Das ist und bleibt sozial äußerst verwerflich. Dass darüber aber die Weltwirtschaft zusammenbricht, das ist weder Schuld der Häuslebauer noch der verführenden Hypothekenbanken, sondern der Notenbanken, die sich an der Illusion festklammern, mit Minusgeld allein auskommen zu können, und die damit ein in sich instabiles System geschaffen haben.
S Du meinst wirklich, das System der Geldschöpfung beruhe in allen Industriestaaten der Welt auf einem prinzipiell instabilen System? Das hätte man doch längst theoretisch durchschauen müssen.
T Hätte man. Ich gehe davon aus, dass von Außenseitern innerhalb der Notenbanken auch tatsächlich rechtzeitig gewarnt wurde, dass diese Mitarbeiter aber stets mundtot gemacht wurden, denn wenn solche Töne nach außen dringen, löst man damit ja den Absturz aus.
S Um so dringender, jetzt jedenfalls, nachdem die Instabilität offensichtlich ist, klar zu sehen und laut und deutlich die Wahrheit zu sagen.
M Übrigens wären die USA mit vergleichsweise geringem Schaden davongekommen, wenn sie den Häuslebauern selbst aus der Misere geholfen hätten, also die Realwirtschaft in diesem kleinen Bereich unter dem Stichwort soziale Hilfe mit Steuergeldern abgestützt hätten. Weit teurer wäre schon die Rettung der Bank Lehman Brothers geworden, die jetzige Misere ist jedenfalls teurer als jeder frühere Eingriff, den anfangs noch die USA, heute nur noch die Notenbanken der Welt bewältigen können.
T ...und bewältigen müssen, sie tragen die Verantwortung für die Instabilität, und sie müssen ihr System ändern, und das mit klugen und schnellen Maßnahmen, den Blick ständig auf die Realwirtschaft gerichtet
M Gerade habe ich in der Zeitung gelesen, dass sich in Amerika die Fed in Absprache mit der Regierung entschlossen hat, 800 Milliarden Dollar zum Ankauf fauler Wertpapiere und für sonstige konjunkturbelebende Maßnahmen bereitzustellen.
T Ankauf fauler Kredite durch die Notenbank ist im Ergebnis die Ausgabe von Plusgeld und also genau das richtige. Natürlich reicht diese Maßnahme bei weitem nicht aus. Wir haben ja vor Jahren besprochen, wie ein anderes System der Geldschöpfung funktionieren könnte.
S Du meinst Vetorecht der Notenbanken bei Tarifverhandlungen, Kopfgeldzahlungen der Notenbank, festes Gehalt für die öffentlichen Hände und Verfügungsrecht der Notenbank über die Steuereinnahmen?
T Eben das.